Egon Eiermann – Designer und Architekt

01.03.2019

Der Architekt

Als der deutsche Architekt und Designer Egon Eiermann (1904-1970) auf der Weltausstellung in Brüssel durch seine aus acht Glas- und Stahlpavillons bestehende Zusammenarbeit mit dem BauhausArchitekten Sep Ruf erstmals international in Erscheinung trat, lagen weite Teile Europas nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch immer in Trümmern. Zu dieser Zeit gehörte er bereits zu den maßgebenden deutschen Architekten – sowohl vor, während, als auch nach dem Krieg war er an der Konstruktion von Gebäuden beteiligt, die für sein Land und seine Epoche von großer Bedeutung waren. 1927 schloss Eiermann sein Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg ab. Schon früh faszinierten ihn die Ideen der modernen Meister und ihre dogmatischen Einstellungen zur Architektur – dazu gehörten Le Corbusier, Walter Gropius und Mies van der Rohe. In mehreren Fragen, darunter auch hinsichtlich der Verwendung von Beton, war er jedoch anderer Meinung als seine Vorbilder. Und so entwickelte er sich zum Repräsentanten der zweiten Generation moderner deutscher Architektur mit einem eigenen Stil, der auf einer undogmatischen, humanistischen Sichtweise der Architektur und ihres Zwecks beruhte.

Eiermann war Rationalist und Funktionalist zugleich und hatte nicht, wie viele seiner zeitgenössischen Kollegen die Absicht Gebäude für die Ewigkeit zu bauen. Seine Entwürfe sollen nicht als ewige Monumente für eine bestimmte architektonische Epoche erhalten bleiben. Seiner Ansicht nach sollte man sie abreißen und ihre Materialien wiederverwenden können. Architektur als Ausdruck der Zeit, in der wir leben. Etwas, das komplett ausgenutzt werden sollte, solange es besteht. Aber auch etwas, das wie jede Art von Leben früher oder später verschwindet.

Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung Brüssel, Belgien, 1958

Trotzdem hatte sein puristisch modernistischer Ansatz einen enormen Einfluss auf die deutsche Architektur der Nachkriegszeit. Berühmt wurde er für das Gebäude der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, die sich zu einem Symbol West-Berlins in den Nachkriegsjahren entwickelte. Von der ursprünglichen Kirche standen nach der Bombardierung nur noch die Außenwände (was ihr den Spitznamen „Der hohle Zahn“ einbrachte). In den Jahren 1957-1963 wurden nach dem Entwurf Eiermanns ein strenger sechseckiger Glockenturm, ein achteckiges Kirchenschiff, sowie zwei rechteckige Nebengebäude (Foyer und Kapelle) errichtet. Turm und Kirchenschiff wurden später vom Berliner Volksmund liebevoll „Lippenstift“ und „Puderdose“ genannt – ein beliebtes Ziel für westliche Touristen. Zu den weiteren wichtigen Entwürfen von Eiermann gehören das Werk der Ciba AG in Wehr/Baden (1958), das Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestags in Bonn, im Volksmund „Langer Eugen“ genannt (1965-1969 errichtet) und die Deutsche Botschaft in Washington DC (1962- 1964 errichtet, das einzige Eiermann-Gebäude außerhalb Deutschlands). Einige Gebäude wurden erst nach seinem Tod gebaut, darunter auch die IBM Zentrale in Stuttgart und das Olivetti Verwaltungsgebäude in Frankfurt am Main (1972 errichtet).

Durchgehende Merkmale seines reichen architektonischen Schaffens waren eine bemerkenswerte Leichtigkeit und eine offene, einladende Konstruktion. Egon Eiermann hatte eine besondere Sensibilität für die Materialien, die er verbaute. Er empfand verschiedene Materialien wie Stahl, Holz und Glas als gleichermaßen wichtig und nutze sie sehr überlegt und genau. Die Genauigkeit und die Vielfalt der Materialien spiegeln sich auch in seinem Möbeldesign wieder.

Werbeprospekt von Wilde + Spieth 1954

Der Designer

Egon Eiermann war Perfektionist bis ins kleinste Detail, und so wie einige seiner zeitgenössischen Designerkollegen, nicht zuletzt der Däne Arne Jacobsen und das amerikanische Ehepaar Charles und Ray Eames, gestaltete er auch das Interieur für mehrere seiner Gebäudeentwürfe. Im Unterschied zu diesen erhielt er jedoch erst viele Jahre nach seinem Tod die internationale Anerkennung für sein Möbeldesign. Andererseits war er als beispielloses Arbeitstier und als hochgradiger Perfektionist bekannt, der Projekte komplett über den Haufen werfen und wieder von vorne anfangen konnte, wenn sie nicht gut genug waren. Vielleicht trug dies mit zu seinem Tod 1970 in Baden-Baden bei, wo er im Alter von 65 einem Herzversagen erlag. Beigesetzt wurde er in einem puristischen Sarg, den er selbst entworfen hatte.

Glücklicherweise schaffte er es auch noch, eine Vielzahl von Möbeln zu entwerfen. Beispiele für frühe Entwürfe sind der dreibeinige Stuhl SE 42 von 1949 und der Drehstuhl SGB 197. Zu seinen weiteren Werken gehören der Korbsessel E10 (1954), ein Entwurf für die Ausstellung „Wie Wohnen“ in Karlsruhe, und nicht zuletzt der Klappstuhl SE 18, wahrscheinlich der bekannteste Stuhl Eiermanns überhaupt, den er für Wilde + Spieth entwarf. Der Stuhl wurde 1953 mit dem „Good Design Award“ des Museum of Modern Art in New York und 1954 bei der Triennale in Mailand mit einer Silbermedaille ausgezeichnet.

Egon Eiermann vor seinem Haus in Baden-Baden, Deutschland, um 1968

In den folgenden Jahren entwarf Egon Eiermann ikonische Stühle und Tische in enger Zusammenarbeit mit Wilde + Spieth, bei denen er Sperrholz und Stahl als Materialien verwendete. Von der Nachwelt werden diese Entwürfe als moderne Klassiker angesehen, geschätzt von Architekten, Designern, Stylisten und Designliebhabern in aller Welt für ihr einzigartiges Zusammenspiel von strengen und organischen Formen, hoher Qualität und wunderschönen Farben. Eiermann entwarf auch Stühle für Orchester in ganz Deutschland. Ein offensichtliches Element der Designanschauung Eiermanns war die Betonung von Funktion und Ergonomie – wenn es um die perfekte Form ging, machte er keinerlei Kompromisse. Ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür ist der Arbeitstisch Eiermann 1, der aus einem grafischen und leichten, aber robusten Stahlrahmen und einer Tischplatte besteht, die nach Bedarf ausgetauscht werden kann. Dieser Tisch war ein Entwurf für seine Architekturstudenten an der Technischen Hochschule. 1965 entwarfen die Studenten den Tisch Eiermann 2 für ihn – mit seinem symmetrischeren Rahmen war dieser besser als Ess- oder Konferenztisch geeignet.

Festhalle in Bern, Schweiz, mit 4000 Klappstühlen SE 18, 1954

Eiermanns Erbe

1947 wurde Egon Eiermann von der Technischen Hochschule in Karlsruhe zum Professor für Architektur ernannt. Mit seiner charismatischen Persönlichkeit inspirierte er tausende Studenten, die von nah und fern zu seinen berühmten Vorlesungen strömten, um mehr über seine warme und gleichzeitig nüchterne Anschauung von Architektur und Design zu erfahren. Heute besteht kein Zweifel daran, dass Egon Eiermanns Nachruhm als Architekt und Designer der Entwicklung eines Mannes zu verdanken ist, der bei jedem neuen Projekt – ob Design oder Architektur – kompromisslos nach dem Besten strebte. Und auch wenn einige seiner Gebäude heute der Vergangenheit angehören, sind seine ikonischen Möbel von einer derart hohen Qualität, dass sie über Generationen weiter vererbt werden.

Süddeutscher Rundfunk Sendesaal mit Orchesterstühlen von Wilde + Spieth