Café Tiergarten: Ein besonderer Ort in der Nachbarschaft

Journal
09–26

Fotografie

Klemens Renner

Leonie Herweg, Simon Freund und Nicolas Mertens haben nach einer behutsamen, denkmalgerechten Sanierung das „Café Tiergarten” im Berliner Hansaviertel wiedereröffnet. Das Café befindet sich im Schwedenhaus, das von den Architekten Fritz Jaenecke und Sten Samuelson zur Interbau 1957 gebaut wurde. Die Gebäude, die zu dieser Zeit im Rahmen der Interbau von namhaften Architekten gebaut wurden, gelten als herausragende Beispiele moderner Stadtplanung und Architektur der klassischen Moderne oder Nachkriegsmoderne.

Wo in Berlin befindet sich das Café, wie groß ist die Fläche und welche Ideen wollt ihr dort realisieren?

LH    Das Café befindet sich im denkmalgeschützten Hansaviertel direkt am Tiergarten in Berlin. Es liegt in einem Ensemble – genauer gesagt dem sog. „Schwedenhaus” von Fritz Jaenecke und Sten Samuelson – der Interbau 1957 und ist eng mit der Architekturgeschichte des Viertels verbunden. Die Räumlichkeiten umfassen rund 150 Quadratmeter Innenfläche sowie eine großzügige Terrasse mit Blick auf die Bungalowhäuser und ins Grüne. Neben dem klassischen Cafébetrieb verstehen wir den Ort als einen Treffpunkt für die Nachbarschaft und als Plattform für kulturelle Formate. Regelmäßig finden Lesungen, Gespräche, kleine Konzerte oder kulinarische Kooperationen statt. Gewissermaßen ist es eine Erweiterung unseres nahegelegenen Kunstraums GROTTO. Uns interessiert insbesondere die Verbindung von Architektur, Gestaltung, Kunst und Gastfreundschaft – und die wunderbare Fähigkeit eines Cafés, die unterschiedlichsten Menschen zusammenzubringen.

Wie ist die Idee für das Projekt Café Tiergarten entstanden? Hattet ihr schon länger geplant, ein Café zu eröffnen, oder war es eine spontane Idee?

LH    Das Café Tiergarten ist aus dem Wunsch entstanden, einen besonderen Ort in unserer Nachbarschaft wieder mit Leben zu füllen. Das Gebäude stand mehrere Jahre leer und war vielen Menschen im Hansaviertel dennoch als ehemaliges Café in Erinnerung geblieben. Wir sind oft vorbeigelaufen und haben neugierig durch die Fenster geblickt und uns ausgemalt, was man hier alles machen könnte. Als sich über Umwege die Möglichkeit ergab, die Räume zu übernehmen, war schnell klar, dass wir nicht einfach ein neues Café eröffnen wollten, sondern an die Geschichte des Ortes anknüpfen möchten. Simon und ich wohnen wenige hundert Meter entfernt und sind dem Viertel sehr verbunden. Trotz der zentralen Lage im Bezirk Mitte fühlt sich das Hansaviertel fast schon wie ein Dorf an, man trifft sich auf dem Freitagsmarkt, im einzigen Supermarkt oder eben im Café Tiergarten.

The Interior of the Café Tiergarten

Neben dem klassischen Cafébetrieb verstehen wir den Ort als einen Treffpunkt für die Nachbarschaft und als Plattform für kulturelle Formate.

     
— Leonie Herweg

Wer ist für das Interior Design verantwortlich und wie hat sich die gestalterische Richtung entwickelt? Gab es Erfahrungen aus früheren Projekten, die in die Designentscheidungen eingeflossen sind?

LH    Das Interior Design haben wir gemeinsam entwickelt und hatten dabei Hilfe unserer Freundin und Innenarchitektin Johanna Karges. Ausgangspunkt war die besondere Architektur des Gebäudes und der Wunsch, die ursprüngliche Atmosphäre der späten 1950er Jahre wieder erfahrbar zu machen, ohne eine historische Rekonstruktion zu inszenieren. Ein paar Erfahrungen hatten wir bereits durch den Umbau unserer eigenen Wohnung im Viertel, obwohl das im Nachhinein kein Vergleich war. Im Café haben wir eng mit dem Denkmalschutz zusammengearbeitet und unzählige historische Pläne, Fotografien sowie Farbbefunde ausgewertet. Vor allem aber haben wir erst mal alles entfernt, was nicht original war: eingezogene Wände, zugemauerte Fenster und mehrere abgehängte Decken. Uns war wichtig, einen Raum zu schaffen, der zurückhaltend gestaltet ist und den Blick auf die Architektur, die Natur und die Menschen lenkt.

Welche Materialien, Farben und zentralen Gestaltungselemente prägen den Raum und warum wurden gerade diese ausgewählt?

LH    Die besondere Farbgestaltung in Gelb und Blau orientiert sich am ursprünglichen Farbschema des Gebäudes. Viele Oberflächen wurden entsprechend historischer Befunde restauriert oder rekonstruiert. Besonders schön ist, dass der Link zum „Schwedenhaus” dank der Farben nun wieder deutlich wird. Ergänzt werden diese durch natürliche Materialien wie Holz, einen zeittypischen Kautschukboden, Fliesen, die auch im Barbican Estate in London verwendet wurden, Metall und einen lila Vorhang von Kvadrat, den die dänische Designerin Nanna Ditzel 1965 entworfen hat. Prägend sind vor allem die großen Fensterflächen, die klare Geometrie des Raums sowie die Verbindung von Innen- und Außenraum. Wir wollten eine Atmosphäre schaffen, die ruhig, zeitlos und selbstverständlich wirkt. Die Gestaltung soll nicht dominieren, sondern die Qualitäten der Architektur und des umgebenden Landschaftsraums hervorheben, deshalb war auch von Anfang an klar, dass wir auf Möbelentwürfe der Architekten der uns umgebenden Häuser zurückgreifen möchten: Tische von Alvar Aalto und Le Corbusier und natürlich den ikonischen SE 68 von Egon Eiermann, der ein Scheibenwohnhaus vis-à-vis des Cafés gebaut hat.

Welche besonderen Herausforderungen sind während der Planung oder Umsetzung aufgetreten und wie wurden sie gelöst?

LH    Die größte Herausforderung bestand darin, die Anforderungen eines zeitgemäßen Gastronomiebetriebs mit den Vorgaben des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen. Viele bauliche Eingriffe mussten sorgfältig geplant und mit den zuständigen Behörden abgestimmt werden. Dieser Prozess erforderte Geduld und zahlreiche Abstimmungen, hat aber letztlich dazu geführt, dass viele originale Qualitäten des Gebäudes erhalten bleiben konnten. Gerade diese Auseinandersetzung mit dem Bestand macht das Projekt für uns so besonders.

Ihr habt euch für den SE 68 SU Stuhl in Schwarz/Chrom entschieden. Welche Kriterien waren für euch bei der Auswahl dieser Möbel ausschlaggebend?

LH    Die Wahl fiel auf den SE 68, weil er gestalterisch und historisch hervorragend zum Gebäude passt. Der Entwurf stammt aus derselben Epoche wie das Hansaviertel und verkörpert viele Qualitäten, die uns wichtig sind: Klarheit, Funktionalität, Leichtigkeit und eine zeitlose Formensprache. Gleichzeitig mussten die Möbel den Anforderungen eines lebendigen Cafébetriebs gerecht werden. Der SE 68 ist robust, komfortabel und altert sehr schön.

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